Blick ins Buch

Kapitel 1


Ich liebte es, Fangen zu spielen. Und wenn ich heute die Augen schließe, sehe ich alles wieder vor mir. Ich sehe die Wiesen, die Blumen und den kleinen Wald. Ich erkenne die anderen Kinder wieder und erinnere mich an das hochfrequente Quieken, welches wie aus Trillerpfeifen unseren Kehlen entfloh, kurz bevor wir geschnappt wurden.

Mich erwischten sie nie. Zumindest nicht, solange es nicht mehrere Fänger gab, die mir im Rudel den Weg abschnitten oder mich einkreisten. Ich war so verdammt schnell.

Vielleicht liebte ich das Fangenspielen genau deshalb so sehr. Es machte mir unendlich großen Spaß, den anderen immer und immer wieder zu entwischen. Sie ganz nah rankommen zu lassen, um dann mit einem plötzlichen Spurt und zwei, drei Haken aus der Gefahrenzone zu jagen, verfolgt von der wilden Meute der Gleichaltrigen unseres Dorfes. Gerade die Jungs wollten nicht wahrhaben, dass ich schneller war als sie. Ihre verzerrten Gesichter und die zusammengebissenen Zähne zeugten von ihrem vollen Einsatz, mich irgendwie zu fassen zu kriegen. Taten sie aber nicht. Sie gaben es niemals zu, aber ich denke, es ärgerte sie. Sich von einem Mädchen jeden Sommertag aufs Neue abhängen zu lassen, das war wohl nicht, was Jungs in diesem Alter für ihr Selbstbewusstsein brauchen.


Wie hätte ich damals ahnen können, dass genau diese Schnelligkeit mir zum Verhängnis werden sollte?


Es war ein brütend heißer Julitag, als Bassam in unseren Ort zog. Unser Dorf war nicht groß. Jeder kannte jeden. Bis zur nächsten größeren Stadt fuhr man zumindest eineinhalb Stunden mit dem Auto. Wir waren eine kleine, ja eingeschworene Gemeinde, deren Bewohner gerne unter sich blieben.

Deshalb machte sich auch schnell eine ablehnende Unruhe breit. Wir mochten Bassam nicht bei uns haben und auch nicht seinen Vater, nicht seine Mutter und ebenso wenig seine zwei kleinen Schwestern. Die ganze Familie war uns sozusagen aufs Auge gedrückt worden, wie ich aus der Erregtheit der Dorfgemeinschaft heraushören konnte.

Bassams Familie wirkte wie ein dunkler Flecken in unserem hellen Ort. Fünf dunkle Flecken, die gemeinsam einen schwarzen Klumpen ergaben. Ein Klumpen, der unserem Dorf zugeteilt worden war. Von der Regierung. Die Familie hatte ein Häuschen vom Staat bekommen und klebte plötzlich da. Wenn sie den Mund aufmachten, klang es, als würde etwas in ihren Hälsen stecken, das sie herauszuwürgen versuchten. Waren wir in der Nähe, verhielten sie sich aber ohnehin still. Und sie mieden unsere Nähe, soweit es ging. Und wir die ihre ebenso.


Bassam war es damals gewesen, der als erster zu uns Kontakt suchte. Wir Kinder hatten Fangen gespielt. Wie an jedem dieser Tage. Bassam saß in einiger Entfernung auf einem Felsen und beobachtete uns. Ich erinnere mich, dass er lachte. Vielleicht deshalb, weil keiner der Jungen mich einzuholen vermochte. Seine Zähne waren so weiß, dass sie fast unecht wirkten, als sie zwischen seinen dunklen Wangen hervorblitzten. Es war nicht zu übersehen, dass sein Kopf vor Vergnügen wackelte. Und die Horde, die mich hetzte, bemerkte das auch.


Erst als die anderen nach Hause gepfiffen wurden, weil es zu essen gab oder sie noch Hausaufgaben zu erledigen hatten, erst da war ich zu dem Felsen gelaufen, auf dem die weißen Zähne hockten.

Meine Hände in die Hüften gestützt, mit erhobenem Kopf und breit auf beiden Beinen stehend, hatte ich mich vor ihm aufgebaut. Ich wollte ihn herausfordern.

Und dann war er vom Felsen zu mir heruntergesprungen. Ich jagte davon, Bassam hechtete hinter mir her. Ich schlug Haken, der fremde Junge reagierte blitzschnell und schnappte mich, noch bevor ich sein Tempo überhaupt realisiert hatte. So begann unsere Freundschaft.


Wie lange ist es nun her, dass Bassam damals von jenem Felsen gesprungen war? Zwanzig Jahre? Etwas länger? Oder viel kürzer? Ich kann es nicht sagen. Das Gefühl für die Zeit, vielleicht auch für den Raum, es ist mir längst verlorengegangen.


Bassam war Syrer. Seine Familie hatte die Heimat verlassen, um vor dem Krieg zu fliehen. Ohne Ziel, nur weg von zu Hause. Irgendwohin, wo es sicher war. Wo keine Bomben auf die Häuser niederprasselten und kein Giftgas durch die Ritzen zerstörter Wände drang. In ein Land, wo weder die Russen noch die Iraner noch sonst wer, einen Stellvertreterkrieg austrugen, um ihre globale Position auszubauen. So waren sie in unser Dorf gekommen. An einen Ort, wo sie niemand haben wollte. Niemand von uns zumindest. Die Regierung schon. Ansonsten hätten sie Bassams Familie nicht in das kleine Haus am Rande unseres Ortes gestopft. In das seit Jahren verfallende Häuschen mit den schiefen Balken und dem Dach, durch das der Regen tropfte. Eine Baracke von dessen Fassade der Putz blätterte, der Schimmel sich über die Wände legte und jener Bruchbude den letzten Kick desolater Atmosphäre verlieh.

Wir betrachteten die windschiefe Hütte als Schande für unser hübsches Dorf. Unsere Straßen waren stets gefegt, wir pflanzten Blumen, wo immer wir ein Stückchen freie Erde fanden. Wir bemalten unsere Häuser in fröhlichen Farben und besserten jedes Loch sofort aus, das sich irgendwo auftat. An jedem Weg, an jeder Wand.

Nur dieses Haus, das dem Staat gehörte, faulte vor sich hin.

Und dann kam der Tag, an dem die Regierung den schwarzen Klumpen in das vergammelte Loch setzte.


Bassam sprach nur ein paar Brocken meiner Sprache. Mit Worten und Händen und Füßen konnte ich mich dennoch mit ihm verständigen und an jenem Tag, an dem er mich beim Fangenspielen eingeholt hatte, tat ich es zum ersten Mal auch. Der Flüchtlingsjunge und ich redeten miteinander. In dem Moment bekam Bassam eine Seele. Aus dem dunklen Flecken wurde ein Mensch und aus dem Menschen ein Freund.

Es ging von mir aus, dass wir Bassam in unsere Gruppe aufnahmen. Und es ging von unserer Gruppe aus, dass Bassams Schwestern in die Gruppe der Kleineren integriert wurden. Und irgendwie und irgendwann hatten auch die Erwachsenen keine Möglichkeit mehr, den Eltern der fremden Kinder aus dem Weg zu gehen.

Als die dunklen Kinder ein Teil von uns hellen Kindern geworden waren, luden wir sie ein und nahmen sie mit nach Hause.

Unsere Eltern mussten sich geschlagen geben. Bald schon konnte man ihrem Stottern und der Haltung ihrer Münder entnehmen, dass sie sich schämten. Dafür, dass sie der geflüchteten Familie keine Chance hatten geben wollen. Allmählich ließ ihr Stottern nach, und die verkrampften Lippen formten ein richtiges Lächeln. Ein aufrichtiges, freundliches Lachen.

Niemand sprach mehr vom schwarzen Klumpen, sondern von Abbas, dem Doktor aus Duma, und seiner Familie. Mit jedem Wehwehchen liefen von da an die Leute zu Abbas, um ihn um Rat zu fragen. Der nächste Arzt residierte in der Stadt, und die lag nun mal meilenweit entfernt. Doktor Abbas wusste immer ganz genau, was den Menschen fehlte.


Der ganze Ort half damals mit, aus dem verrotteten Schandfleck ein richtig hübsches Häuschen zu erschaffen. Denn mit einem Male wollten alle, dass Abbas und seine Familie sich in unserem Dorf wohlfühlten. Sie waren zu einem Teil von uns geworden.


Wie rasend schnell Bassam seine Beine vorwärtsschleudern konnte! Hätte mich genau das damals stutzig machen sollen? Als sie mich schnappten und ins Auto zerrten, gab es kein Zurück mehr. Sie mussten sich sicher gewesen sein, dass sie die richtige Wahl getroffen hatten. Eine Rückgabe war ab dem Moment nicht mehr möglich.


Woher hatten sie gewusst, dass gerade ich diejenige war, die sie haben wollten? Was hatte Bassams Familie damit zu tun? Oder hatte sie gar nichts damit zu tun? War alles ganz anders gewesen? War unser Dorf von Spähern oder von Drohnen ausgekundschaftet worden? Wie waren sie ausgerechnet auf mich gestoßen? Diese Frage stellte sich mir viele Jahre lang, bis ich eines Tages aufhörte, darüber nachzudenken.


Sie hatten es auf mich abgesehen, wie auch auf all die anderen, die wir dann an jenem Ort festsaßen. In jenem Wahnsinn. In einer Surrealität, die es doch gar nicht wirklich geben konnte. In einem Labyrinth, das irgendwo tief unter der Erde verborgen lag und wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht erschien.


Ich glaube, ich hatte mich damals in Bassam verknallt. Sein Lachen versetzte meinem Herzen einen zusätzlichen Schlag, und wenn er mich einholte, quietschte ich stets vor Freude und nie, weil es mich erschreckte, wenn seine Hand die meine ergriff.


Bassam, habe ich es dir zu verdanken, dass ich hier gelandet bin? Wie sollte ich es jemals erfahren? Die Wiesen, über die ich lief, die Bäche, über die ich sprang, die Hügel, von denen aus ich auf unser kleines Dorf hinabblickte, all das sind heute Fragmente einer lang vergangenen Zeit. Einer Zeit, in die ich nie wieder zurückkehren würde.


Das Dorf, in dem ich lebte, lag am Ende der Welt. Außer Gemüse anzubauen und Rinder zu züchten, gab es dort nicht viel zu tun. Fremde kamen selten in diese Gegend. Eigentlich nie. Wir hatten nicht einmal ein Hotel. Für wen auch? Es gab bei uns nichts zu sehen. Wir hatten eine winzige Schule, in der wir von Klein bis Groß in zwei Klassen unterrichtet wurden. Jene, die danach noch mehr wissen wollten, mussten in die Stadt pendeln. Dort blieben sie meist die ganze Woche und kamen nur noch an den Wochenenden nach Hause. Und irgendwann auch das nicht mehr.


Das grüne Auto, das in jenem Sommer in unser Dorf gerollt kam, so gewöhnlich es auch gewesen sein mochte, musste doch irgendwem aufgefallen sein? Irgendjemand hatte das fremde Fahrzeug bestimmt bemerkt. Wenigstens einer im Dorf! Vielleicht hatte dieser eine Dorfbewohner einen Blick auf das Kennzeichen geworfen und sich gefragt, was diese unbekannte Karre hier suchte! Zumindest bestand die Möglichkeit, dass er ins Wageninnere geblickt und sich gedacht hatte, dass die Leute sich wohl verfahren haben mussten.

Und dann wären auch fremde Gesichter schemenhaft in Erinnerung geblieben, die man später zu einem Phantombild hatte zusammenfügen können. Bestenfalls hatte dieser eine Ortsbewohner auch das Kennzeichen, oder Bruchstücke daraus, im Gedächtnis behalten. Doch zumindest den Ländercode. Oder die Farbe des Lacks! Vielleicht die Automarke? Bestimmt hatten sie später immer wieder darüber geredet, dass da doch dieser grüne Wagen gewesen war, der mit Sicherheit etwas mit meinem Verschwinden zu tun gehabt hatte. Bestimmt hatten sie alles versucht, um sich das Kennzeichen oder die Gesichter der Insassen in Erinnerung zu rufen. Vielleicht war dies irgendjemanden ja auch wirklich gelungen. Vielleicht aber hatte tatsächlich niemand, kein einziger aus unserem Dorf, das grüne Auto damals bemerkt.


Ich war an jenem Tag die staubige Schotterstraße entlanggeschlendert. Barfuß, die Sandalen in der Hand. Es war der Weg, der mich nach Hause führte. Die Sonne verschwand bereits hinter den Bergen und mein Magen knurrte. Als ich das Auto hörte, drehte ich mich dem Fahrzeug zu. Aus Neugierde. Ich wollte wissen, wer denn gleich an mir vorbeifahren und mir zuwinken würde. Ich kannte den Wagen aber nicht. Grün, fremd, nichtssagend.

Auch als das Auto an mir vorbeirollte, dachte ich mir nichts dabei. Selbst als sich die hintere Türe öffnete, witterte ich nicht einmal einen Hauch von Gefahr.

Dann aber war alles rasend schnell gegangen. Eine Hand erfasste mein Armgelenk und riss mich ins Innere des Wagens. Sie warfen eine Decke über meinen Kopf und drückten mich nach unten.

Ob irgendjemand mein Schreien gehört hatte? Die Sandalen hatten sie gefunden, das war sicher! Die knallroten Dinger lagen unübersehbar auf der Straße.


Ich wusste, dass ich mit zwei Männern auf der Rückbank saß. Ich hatte es an ihren Schuhen erkannt. Stimmen hörte ich keine. Es wurde nicht gesprochen. Oder hörte ich keine Stimmen, weil mein Kreischen alles übertönte? Ich schrie wie am Spieß! Etwas anderes war unmöglich. Ich konnte weder beißen noch schlagen noch kratzen und schon gar nicht davonlaufen. Ich brüllte aus Leibeskräften, bis ich den Stich verspürte und alles um mich herum zu verschwimmen begann und dann ganz schwarz wurde.


All das sind Erinnerungen aus der Vergangenheit. Nichts von meinem einfachen Leben im Dorf ist übriggeblieben.

Heute umgeben mich Gold, Diamanten, Glanz und unsagbarer Luxus....

 

Thriller über eine geheime Unterwelt www.rusmelgo.com